Versprochen ist Versprochen: Eine Weihnachtsgeschichte

Ist dieses Blog tot? Eine berechtigte (?) Frage, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt. Dafür sprechen würde die nun mehr ein Jahr andauernde Stille, die auf dem Rotkehlchennest herrschte. Dagegen spricht, naja, dieser Blogpost.

Die Beantwortung dieser fast schon philosophisch anmutenden Frage überlasse ich Anderen. Worum es mir heute geht, ist die Einlössung eines Versprechens. Ein Versprechen, das vor gut fünf Jahren, im historischen 2005, auf eben diesem Blog gemacht wurde. Genauer, die Veröffentlichung einer Weihnachtsgeschichte, die ich zur damaligen Zeit geschrieben hatte. “Weihnachten mit Gott” ist nach heutigen Gesichtspunkten nicht unbedingt das beste, das ich jemals geschrieben habe. Ich bin mir nicht mal sicher, ob und in wie fern die Bezeichnungen “gut” oder “lustig” oder “nicht peinlich” überhaupt zutreffen. Aber darum geht es auch gar nicht. Worum es geht, ist das hier auf diesem Blog mal ein Versprechen geleistet wurde. Und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht einhalte. Heute. Mit einer  Verzögerung von etwa 5 Jahren.

“Besser spät als nie.” – Der kleine Lord.

Aristokrat mit Herz.

Gutsherr mit Herz - der kleine Lord

Also, macht es euch mit eurem Laptop (oder Smartphone, falls das eher eurem Lebensstil entspricht) vor dem Kamin gemütlich, werft noch einen letzten Blick auf den winterlich-weißen Weihnachtszauber jenseits des heimischen Fensters, und taucht ein in eine Weihnachtsparabel in der Tradition Charles Dickens lasst alle Hoffnung fahren.

P.S. Aus Gründen der historischen Authentizität habe ich auf eine Überarbeitung verzichtet.

“Weihnachten mit Gott“

Es war wieder soweit. Es war der Abend des 24. Dezembers und mein jährliches Gespräch mit Gott stand an. Ich bin ein traditioneller Kirchengänger, dass heißt ich gehe traditionell jedes Jahr einmal in die Kirche und obwohl ich zugeben muss, dass die Ursprünge dieser Tradition bei mir schon lange in Vergessenheit geraten sind, schien es mir dennoch der passende Zeitpunkt für mein Gespräch mit Gott. Ich hatte mich schon damit abgefunden auch dieses Jahr einen stillen Monolog über die Ungerechtigkeit des Lebens zu halten, der mit ein paar bescheidenen Wünschen enden sollte, aber dieses Jahr gab es eine entscheidende Änderung in meinem Ritual. Dieses Jahr erschien Gott persönlich.

Jaja, ich weiß was sie jetzt von mir erwarten. Nein, wirklich, ich kenne die Frage die sich ihnen aufdrängt. Wie sieht Gott aus? Sie erwarten nun sicherlich, dass ich mich auf eine mehr oder minder zynische Art über die altbekannten Stereotype lustig mache. Der alte Mann mit dem Rauschebart. Oder noch schlimmer: Diese pseudoprovokante New-Age Vorstellung von wegen Gott sei eine Frau.

Doch ich habe mir geschworen niemals diese ausgetretenen Pfade zu begehen und werde deshalb auf eine Beschreibung Gottes wahrer Gestalt verzichten. Vertrauen sie mir, sie können es sich gar nicht vorstellen und wenn sie ehrlich sind wollen sie es auch nicht. Nur so viel sei gesagt, ich werde mich niemals wieder am einfachen Genuss von Broccoli erfreuen können.

Da stand ich also, nackt (unter meinen Kleidern), wie er mich eben geschaffen hatte. Gott selbst lächelte, da er mich nackt sehen konnte und bot an, einen kleinen Plausch zu halten. Ich stimmte, naiv wie ich war, zu.  Wir nahmen beide am Altar platz, ich schämte mich etwas, aber Gott meinte, das sei schon Ok. Er fragte ob es mir etwas ausmache, wenn er die Gestalt ändern würde, nur zu meinem eigenen Schutz versicherte er mir. Wegen den ganzen Leuten und er wolle sich einfach mal auf mich konzentrieren können ohne ständig Wünsche erfüllen zu müssen. Ich fühlte mich schon etwas besser, ja fast auserwählt aber immer noch etwas zittrig. Ich meine, man trifft Gott ja nicht alle Tage und schon gar nicht an Weihnachten und fragte deshalb ob es ihm etwas ausmache, wenn ich rauchen würde. Er sagte ja und ich wollte ihn nicht unnötig reizen.

Gott verwandelte sich also in etwas, das mich entfernt an einen brennenden Strauß Tulpen erinnerte. Er fragte, wie es mir denn erginge und ich meinte gut, naja bis auf die Sache mit dem Krebs, aber da hätte ich ja auch eine Mitschuld und das würde ich auch einsehen. Er freute sich das ich so einsichtig war und ich fragte ihn wie es ihm so ginge, gerade an Weihnachten wegen seinem Sohn und es täte mir echt leid dass er so früh gestorben sei. Er sagte das sei schon in Ordnung er hätte da ja auch eine gewisse Mitschuld gehabt und ich versuchte witzig zu sein und meinte, ja genau wie bei meinem Krebs und wir lachten beide. Danach gab es eine unangenehme Pause. Gott versuchte diese peinliche Situation zu entschärfen und erzählte mir eine Anekdote von vor fünfhundert Jahren und wie besoffen er damals gewesen war. Während er das erzählt lachte er oft und laut aber ich verzog keine Mine, denn ich hasse es wenn mir Leute ihre Sauf-Anekdoten erzählen. Als er endlich fertig war wurde er plötzlich wieder sehr ernst und wollte wissen ob ich nicht einen Fragebogen ausfüllen könnte, er plane eine neue Spezies, die er bis spätesten 2050 auf den Markt bringen wolle und die dann die Erde beherrschen sollte, sozusagen Mensch 2.

Verehrter Leser, ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich auf eine solche Chance gewartet hatte, aber ich ergab mich meinem Schicksal und sagte nach langen hin und her „ja“. Er gab mir eine Steintafel und ich gab beschämt zu, dass mir Hammer und Meißel abhanden gekommen waren. Ich schlug vor, meine Ideen bei einem Brainstorming vorzutragen und Gott war damit sichtlich zufrieden. Aber hier wurden wir in unserem Gespräch jäh unterbrochen. Ein anderer Kirchgänger, ich glaube er hieß Horst, rief meinen Namen und brachte mich und Gott somit aus dem Konzept. Gott wähnte sich ertappt, beziehungsweise erkannt und reagierte mit dem ihm eigenen Hang zur Übertreibung. Horst verschwand und statt seiner stand da nun eine Frau mit dem Unterleib eines Krokodils und Rollschuhen anstelle der Füße. Verwundert rollte die Kreatur davon und ich habe Horst seit dem nie wieder gesehen.

Mich ließ diese Unterbrechung relativ kalt aber Gott war noch etwas durch den Wind. Er bestand darauf sofort wieder seine Gestalt zu ändern, denn er fühlte sich als brennender Tulpenstrauß einfach nicht mehr sicher. Ich stimmte zu. Kurz darauf saß mir also ein zwei Meter großer brennender Papagei gegenüber. Der Papagei hatte zusätzlich zu seinem normalen brennenden Vogelkopf einen weiteren brennenden Ziegenkopf und den Kopf von George Lucas, der auffälligerweise nicht brannte.

Langsam begann ich ein Muster zu erkennen. Ich wollte so sensibel wie möglich vorgehen und formulierte meine Frage, warum er sich denn immer in etwas Brennendes verwandeln musste und ob er nicht auch der Meinung sei, dass gerade die lodernden Flammen die allgemeine Aufmerksamkeit auf uns zogen, so behutsam wie möglich. Das ich gerade eben meine Kompetenzen überschritten hatte war mir sofort bewusst. Ich kritisierte den Kleidungs-Stil des Mannes, der die Kleidung erfunden hatte. Das konnte nicht gut gehen.

Gott nahm die Kritik nicht gut auf, aber selbst er konnte sich nicht der Logik meiner Argumentation entziehen und hörte sofort auf zu brennen.

Puh, das war gerade noch mal gut gegangen, dachte sich die Kreatur die früher einmal Horst war und rollte aus der Kirche heraus, die Straße runter bis in den Sonnenuntergang.

Mittlerweile war wieder Ruhe im Haus meines Gastgebers eingekehrt und ich spürte wie ein Hauch von festlicher Weihnachtsstimmung Einzug in unser ungewöhnliches Gespräch fand.

Vom Geist der Heiligen Nacht berauscht vergaß ich alle Vorsicht und fragte Gott frei heraus, warum der dritte seiner Köpfe aussah wie George Lucas. Er meinte, das sei Saddam Hussein und ob es mich umbringen würde öfter mal eine Zeitung aufzuschlagen. Zähneknirschend antwortete ich, nein, das Aufschlagen einer Zeitung würde mich sicherlich nicht umbringen. Er wusste schon ganz genau, worauf ich damit anspielte. Hah!

Verehrter Leser, ich gestehe hier und jetzt, diese altkluge Bemerkung tut mir schrecklich leid, besonders im Hinblick auf den weiteren Verlauf des Abends. Gott tippte schon nervös mit der Kralle auf dem Altar herum und auch ich wusste nicht mehr so recht weiter. Es kam wie es kommen musste, wenn kein Gesprächsstoff mehr vorhanden ist aber keiner der Duellanten (denn nichts anderes waren wir mehr) bereit ist den Abend zu beenden. In meinem Selbstwertgefühl verletzt, schlug ich vor mit einem Gläschen Messwein anzustoßen. Oh, ich verdammter Narr, es blieb nicht bei einem Glas und auch nicht bei zwei. Es war ein Desaster. Es war wie alle Plagen und Sintfluten und Kreuzigungen zusammen. Wir sangen, wir tanzten, wir weinten und irgendwann kam dann mein Vorschlag, die neue Spezies sollte doch so aussehen wie die Horst-Kreatur und Gott fand die Idee gut. Verehrter Leser, an diesem Abend habe ich mich wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Ich erzählte Geschichten. Das zusammenhangslose Gestammel eines betrunkenen Idioten, verletzend und selbstgerecht.

Ich empfand den Drang mich zu blamieren und fragte Gott ob es denn auch den Weihnachtsmann und den Osterhasen gäbe und ob die drei sich kennen würden. Er lachte das selbstverliebte lachen eines Mannes der alles wusste. Dann wurde er wieder ernst und fing an aufgebracht über das Konzept der Dreifaltigkeit zu referieren. Das würde jeder in der Theorie gut finden, aber in der Praxis würde es niemand wirklich verstehen und so weiter. Ich gab ihm eine Ohrfeige da er hysterisch geworden war. Er beruhigte sich und enthüllte mir dann das er und der Weihnachtsmann ein und dieselbe Person wären, ein Imageberater hätte ihm vor einiger Zeit geraten, sein Auftreten zu ändern und jetzt fahre er eben zweigleisig. Das war auch der Grund warum er mich nun verlassen müsste. Es würde noch viel Arbeit auf ihn warten, schon Scheiße, das mit den zwei Jobs, aber man müsste heutzutage eben schauen wo man bleibt.

Er verabschiedete sich mit der Höflichkeit eines Landstreichers und ich hatte ihm in meinem Zustand nicht viel entgegenzusetzen. Langsam hatte ich das Gefühl, das alles von langer Hand geplant war.

Gott verschwand eben so plötzlich wie er aufgetaucht war, allerdings nicht ohne mir noch einmal seine wahre Gestalt zu zeigen, wobei sich mir der Magen umdrehte.

Er war fort und wahrscheinlich war das gut so. Das in mir aufkeimende Gefühl der Einsamkeit wurde immer stärker, aber ich schob es auf den Wein. Ich saß noch eine Weile am Altar, trank kaum noch und kostete das Privileg des Verlassenen bis zum letzten Tropfen Selbstmitleid aus.

Frohe Weihnachten Horst, wo immer du auch bist.

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Ein Kommentar am “Versprochen ist Versprochen: Eine Weihnachtsgeschichte”

  1. Pengboom Sagt:

    Ich kann mich noch daran erinnern, wie du am 24. kurz vor Mitternacht zu mir gekommen bist und meintest “du wirst mir niemals glauben was passiert ist”. Und bei meiner Weihnachtssocke – ich hätte dir nicht geglaubt, hättest du nicht dein Handy dabei gehabt.


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